Nicht die Kamera macht das Bild …

Für mich ist das Schreiben eines solchen Blogs immer wieder auch Bestandteil meiner Therapie. Unlängst, während meiner Wehrdienstzeit gab es einen Spruch, der da lautete „Melden macht frei“. Und so geht es mir mit dem schreiben in meinem Blog. Dadurch, dass ich etwas aufschreibe, werde ich los was mich beschäftigt und somit für wichtigere Dinge blockiert.

Und so ist es auch mit einem kürzlichen Erlebnis. Ein Kunde schrieb mir, dass er sich schämt, zu erzählen mit welcher Kamera er fotografiert.
Auf die Nachfrage warum? Meint er nur, im Freundes- und Bekanntenkreis müsse er sich hinterfragen lassen warum er denn mit dieser unbekannten Marke fotografiere statt mit einer der 3 „großen“ Marken. Und wenn er mal richtig fotografieren will, soll er besser die Marke wechseln. Als ich ihn nach den Gründen für die Kaufentscheidung fragte, antwortete er, das Gesamtpaket aus Ausstattung und Preis ist überzeugend und die Möglichkeiten der Kamera schier endlos sind. Sicher sei er in der Objektivauswahl eingeschränkt, aber er und seine Fotokollegen verwenden meist eh nur ein Weitwinkelzoom und nur ganz selten auch mal ein Telezoom. Aber, betonte er, dessen Alter ich mal so auf 65 Jahre schätze, würde ihm doch die Option auf Sportaufnahmen fehlen. Schließlich könne er möglicherweise nach 30 Jahren semiprofessionellen Fotohobby auf die Idee kommen können mit 600 mm Objektiven und schneller Bildfolge fotografieren zu wollen.

Sicherlich ist das weit weg von der Reisefotografie die er betreibt, und über die er auch seit Jahren Vorträge hält und seine ganze Zeit in Anspruch nimmt, aber es wäre schon schön häufiger Werbung dieser Kameramarke zu sehen, man sähe so wenig Anzeigen. Interessehalber fragte ich, welche Magazine er denn lesen würde, und wo er denn die Werbung zur Kenntnis nehmen würde. Die Antwort, dass er schon seit Jahren keine Fotohefte mehr lese und sich im Internet informiert, hätte ich vorausahnen können.

Ich dachte ein solches Verhalten sei typisch vorpubertär, wo Mitschüler ausgeschlossen werden, wenn Sie nicht mit bestimmter Markenkleidung ausgestattet sind. Aber dem ist offenbar nicht so.

Einen anderen Fall erlebte ich auf einer Schulung. Ich stellte auf einem Fotoworkshop die Motivprogrammfunktionen bei professionellen Kameras in Frage. Schliesslich steuert der versierte Fotograf doch die Bildwirkung über Zeit und Blende selber. Junge Profi-Fotografen buhten mich aus und hätten mich am liebsten mit Tomaten beworfen. „Ob ich ihnen denn jegliche Kreativität nehmen wolle“ musste ich mich fragen lassen.

Dieses Erlebnis wurde mir wieder Gegenwärtig als die Firma Pentax einen Facebook Beitrag veröffentlicht hat. Mit der Überschrift „Fotografie 1×1“ wurde auf sehr einfache Art und Weise das Zusammenspiel aus Zeit, Blende und Empfindlichkeit erklärt. Einer der ersten Kommentare verfasst von einem offenbar fotografischen Graurücken lautete: „Das ist ein Armutszeugnis für Pentax. Sind das lauter Vollidioten, die eine Pentax kaufen?“.

Nun gut man kann seiner Meinung sein, aber in dieser Aussage bestätigt sich mir eine gewisse Arroganz vieler altgelernter Fotografen, die auch der ersten Geschichte zu Grunde liegt. „Zonenmesssystem nach Ansel Adams ist die einzig wahre Art und Weise der Belichtungsmessung“, „Wenn die Sonne lacht, nimm Blende Acht“ und ein Bild muss immer nach den Goldenen Regeln mit Sonne im Rücken und nach der Drittel-Regel gestaltet werden“, so die Meinung vieler Vertreter der fotografierenden Fotoelite.
Wer sich nicht daran hält und nicht die „richtige“ Kamera benutzt ist schnell raus.

Zum Glück gibt es aber die vielen jungen Fotografen, die mit viel Lust aufs Fotografieren ans Werk gehen und sich ein Dreck um Althergebrachtes kümmern. Die sich trauen Bilder unscharf aufzunehmen, gegen die Sonne fotografieren und die das Hauptmotiv in die Bildmitte setzen. Es sind auch die, die sich, vielleicht auch aus Protest, und um anders zu sein, eine alte analoge Kamera kaufen und alte abgelaufene Filme verwenden, um mal andere Bilder zu machen.
Und dann gibt es da die vielen Menschen, die durch ihr Smartphone gefallen am Fotografieren finden. Und großes Interesse am Fotomachen haben.

Es sind Menschen, die vorher nie mit Fotografie und deren Techniken in Berührung gekommen sind. Ich würde sie alle mal als „junge Wilde“ bezeichnen, die sich und die Möglichkeiten ausprobieren.
Ihnen allen möchte ich zurufen, lasst Euch nicht von den Alten verunsichern. Hört ihre Meinung. Zieht für Euch die richtigen Schlüsse, aber Ihr müsst Euch nicht ob Eurer Bilder oder Eurer Kamera schämen. Und Ihr müsst Euch nicht schämen auch die einfachsten Fragen zu stellen. Das schlimmste was passieren kann ist am Ende Wissen zu haben.
Und Euch den Alten möchte ich zurufen, akzeptiert endlich, dass gute Fotografie schon lange nicht mehr von einer bestimmten Kameramarke abhängig ist.

Aber meine größte Bitte ist, dass nie mehr die Frage nach der Kamera gestellt wird, mit der bestimmte Bilder aufgenommen wurden. Der Fotograf ist für das Bild und die Beherrschung der Technik verantwortlich. Ich wüsste nicht, dass irgendjemand Siegfried Lenz oder einen anderen Schriftsteller gefragt hätte, welche Schreibmaschine oder welchen Stift er verwendet hat um seine oder ihre Bestsellerromane zu erstellen.

 

blog-intro

Bilder zeige ich gern auf meiner Webseite wolfgangbaus.de oder auf meinen Instagram Accounts Wolfgang Baus und fotosyndikat.altona

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3 Kommentare zu „Nicht die Kamera macht das Bild …

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  1. Das Bonmot mit der Schreibmaschine ist ja nun wahrlich nicht neu, trifft es aber ziemlich genau auf den Punkt.
    Danke für den Text,Wolfgang, hoffen wir mal, dass ihn viele Fotografen lesen.

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