Big Brother is watching you

Guten Morgen. Kaum öffnete mein Transponder den elektronischen Türöffner zu meinem Arbeitsplatz kam der Human Observing Officer meines Arbeitgebers auf mich zu, begrüßte mich freundlich und lud ohne große Umschweife zu einem Meeting ein.
Was der wohl wieder von mir will? Unbehagen machte sich breiter je näher der Termin kam. Versäumen konnte ich ihn ja nicht, erinnert mich doch meine mit dem Smartphone gekoppelte Smartwatch rechtzeitig an den Termin. Och ja, meine tolle Uhr. Inzwischen nimmt sie mir soviel Dinge ab.
Pünktlich betrat ich das Büro, welches früher einfach nur als Personalabteilung bezeichnet wurde. Inzwischen wird hier Personal durch moderne Technik auf höchstem Niveau betreut.
„Ich will es kurz machen, es geht Ihnen nicht gut, Sie benötigen dringend Hilfe“.

Ich war völlig überrascht und lauschte seinen Ausführungen. „Die Auswertung ihrer Vitaldaten, die Ihr Wearable übertragen hat, zeigt, dass sie seit längerer Zeit schlecht schlafen. Ihre Nächte verlaufen eher unruhig und ihre sportliche Betätigung lässt seit mehreren Monaten zunehmend nach. Gleichzeitig zeigen die Aufzeichnungen ihrer Fahrzeugdaten, dass sie aktuell einen deutlich fahrlässigeren Fahrstil entwickeln. Ihre Einkaufsgewohnheiten sind inzwischen ebenfalls besorgniserregend. Die Menge von alkoholhaltigen Getränken im Verhältnis zu den eher „gesunden Lebensmitteln“ nimmt besorgniserregende Dimensionen an. Ihr Computerprofil zeigt parallel dazu eine stark nachlassende Arbeitsleistung an.“ Die folgende Empfehlung mich an meinen Arzt zu wenden war mehr als deutlich.
Wie zur Bestätigung des gerade Gesagten bekam ich e-mails meiner Versicherungen. In der einen wurde von meiner Krankenversicherung geschrieben, dass aufgrund meines aktuellen Vitalprofils die Versicherungsprämie angehoben werden muss. Und auch meine Autoversicherung teilte mir mit, dass die eingeräumten Prämienrabatte künftig wegfallen, weil mein geänderter Fahrstil eine Risikoerhöhung bedeutet.

Am Abend zu Hause, musste ich erst mal eine Pizza in Ofen schieben und eine Flasche Wein öffnen, was war da nur passiert?
Seit rund einem Jahr trage ich jetzt diese Uhr – eine Smartwatch, die ständig mit meinem Smartphone kommuniziert. Jeder Termin, jede SMS und jede e-mail wird mir hierauf angezeigt. Der schnellste Weg zu einem Freund aus meinem Adressbuch wird mir genau so vorgeschlagen, wie auch die Trainingsdaten meiner Laufrunden dokumentiert werden. Zum Bezahlen benötige ich schon längst kein Bargeld mehr, auch das erledigt meine Uhr für mich. Seit dem ich sie habe belohnt mich sogar meine Krankenversicherung mit günstigen Prämien, hat sie doch jetzt Zugriff auf meine Vitaldaten und sieht wie toll ich immer trainiere. Und auch die Verbindung mit der „Black Box“ meines Autos bringt mir Zusatzprämien, kann meine Autoversicherung doch jetzt in Realtime sehen wie defensiv meine Fahrweise ist. Meine Freunde warnten mich zwar, dass ich jetzt ein gläserner Mensch sei, aber ich habe ja nichts zu verbergen.

Diese Geschichte ist selbstverständlich fiktiv, erfunden und so (noch) nicht wahr. Sie kann aber jeden Moment Wirklichkeit werden. Viele Menschen tragen Smart Watches oder Fitnessarmbänder. Diese erfassen während der Benutzung eine Menge Daten. Schlafgewohnheiten, Pulsschlag, Atmung und andere Informationen zur Person werden schon längst von Anbietern dieser Geräte gesammelt, verarbeitet und auch an Dritte weiterverkauft. Arbeitgeber können so viele bisher ganz persönliche Daten kaufen, auswerten und zur Personalsteuerung verwenden. Schon längst laufen Diskussionen bei Krankenkassen diese Daten zu nutzen und Versicherungsnehmer günstigere Konditionen anzubieten als denen die diese Daten nicht liefern. Auch Autoversicherer planen längst gesonderte Tarife für Kunden, die Daten übermitteln.

Das Sammeln von Vitaldaten wird von den Trägern entsprechender Geräte geduldet. Wer liest schon die Nutzungsbedingungen, und außerdem man hat ja nichts zu verstecken, und kann damit sogar Geld sparen.
So ist es dann auch mit der Nutzung von Rabattkarten. Egal ob es im Kaufhaus, in der Drogerie, bei der Fluggesellschaft oder wo auch immer ist. Schon lange zeigen wir unser Kärtchen. Für läppische 2% Rabattgutschrft stellen wir unsere Verbraucherdaten zur Verfügung, ist ja egal, ich habe nichts zu verbergen. Aber aufgepasst findige Vertriebsorganisationen bieten schon längst maßgeschneiderte Individualproduklösungen an, da kann man eigentlich gar nicht nein sagen, auch wenn der Bedarf an vielen Produkten erst vom Anbieter geweckt wird. Die vielen auf mich passenden Angebotsanzeigen auf Internetseiten, basierend auf meinen Surfgewohnheiten, sind nur ein ganz kleiner Ausläufer dieser Bedarfsweckung.

Schon längst erlauben Videoaugen in Computern und Fernsehern eine Überwachung der Räume in denen sie aufgestellt sind, und auch die Mikrofone, eingebaut in Smartphones, Tabletts oder Computer eignen sich hervorragend als Datensammler. Eine Lautsprecherbox eines großen Internetkaufhauses, die permanent auf die Äußerung meiner Wünsche wartet, ist in der Lage, mit dem ständig eingeschalteten Mikrofon, alles aufzunehmen was so im Raum passiert.

Wir regen uns auf über die Daten-Sammelwut von Nachrichtendiensten und sprechen von Überwachungsstaat, vergessen aber, dass wir jede nur gebotene Möglichkeit nutzen Datensammlern jede Art von Daten zu liefern.

App’s liefern schon längst Freundschaftsprofile diverser Social Media Kanäle. Die Auswertung wer mit wem und wie oft kann inzwischen von jedem Schulkind, welches Mengenlehre beherrscht, erstellt werden. Bewegungsprofile sind dank integriertem GPS ebenfalls keine Zauberei mehr. Und auch unsere Verbrauchsgewohnheiten sind inzwischen ein offenes Buch. Rabatt- oder Kreditkarten oder Payfunktionen des Smartphones werden in großen Mengen gesammelt. Auch ein Meinungsprofil ist dank sozialer Medien leicht erstellbar, wir haben ja ständig irgendwelche Kommentare oder Meinungen abzugeben und Bilder unserer aktuellen Aktivitäten liefern wir gleich mit. Die Gesichtserkennungsfunktion ermöglicht dann auch gleich die richtige Bildzuordnung zu den entsprechenden Datensätzen. Und wenn endlich die Bilder von den vielen Webcams offiziell genutzt werden können, haben wir zu den ganzen Daten neben den Bildern auch Videoaufnahmen.

Als Schüler in den 70er Jahren George Orwells „1984“ lesen mussten, klang dieses Buch wie eine Vision, die so nie eintreten wird. Volkszählungen wurden aus Angst vor dem „Gläsernen Menschen“ boykottiert und in vielen Demonstrationen protestierte man gegen Datenerhebung durch den Staat.
Heute laufen wir den ganzen App Lieferanten die Bude ein um möglichst viele Daten liefern zu dürfen. Wir zahlen viel Geld für Datenerfassungsgeräte um die Sammelwut von gewinnorientierten Unternehmen zu befriedigen, verkaufen Daten zu unseren Konsumgewohnheiten und werden mit ein paar läppischen Punkten oder Gratismeilen abgefunden.
Nein, es schadet mit Sicherheit nicht, dass die einzelnen Daten zu mir und meiner Person erhoben und gespeichert werden, nur durch die Verknüpfung all dieser Daten wird der Mensch als Individuum durchschaubar, berechenbar und beeinflussbar.

Das Regime, wie wir es aus dem früheren Ostdeutschland kennen, hätte riesige Vermögen dafür ausgegeben um eine solche Überwachungsmaschinerie aufzubauen. Inzwischen sind wir es, die Informationen geradezu ausposaunen.

„1984“ von George Orwell – wirklich nur ein fiktiver Roman, der so nie Wirklichkeit wird…?

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