HILFE – Ich habe meine Erinnerung verloren…

„BITTE HELFT UNS DAS HANDY MEINER FRAU ZU FINDEN“

Dieser fast schon verzweifelte Aufruf im Radio fand meine ganze Aufmerksamkeit. Dabei ist das Telefon in diesem Fall offenbar gar nicht so wichtig, der aufgeregte junge Mann beklagte vielmehr den Verlust des kompletten Bestands an Erinnerungsbildern der zweijährigen Tochter.

Aber drehen wir doch mal die Zeit zurück ins letzte Jahrtausend. Telefone der damaligen Neuzeit konnten mit Kabeln bis zu 20 Metern ausgestattet werden (zzgl. 2 DM auf der Rechnung der Deutschen Bundespost) und waren somit richtig mobile Telefone in den Modefarben Grasgrün, Quietschorange oder Dunkelrot. Kinder freuten sich wenn sie Bibby Blocksberg auf Kassetten mittels spezielle Abspielgeräte hören konnten, und die großen Geschwister besaßen sogenannte Walkman, für Musikkassetten mit den aktuellen Hits. Der Gerätetyp entschied über das soziale Ansehen im Freundeskreis. Die Trendsetter waren aber Besitzer von sogenannten Discman. Diese Geräte konnten die neu aufkommende Compact Disc, kurz CD genannt, abspielen.

Und ganz, ganz spezielle Menschen besaßen Funktelefone. Diese ca. 10 kg schweren und mobile Telefone erlaubten ein kabelloses Telefonieren von überall, auch außerhalb der eigenen 4 Wände und waren dabei nicht mal an eine sogenannten Telefonzelle angewiesen, wie man damals öffentliche Telefongeräte bezeichnete.

Och ja, und Fotos wurden damals auf einem Material namens Zelluloid gespeichert. Und das Herumzeigen von Fotos auf Papierbögen, meist in den Größen 9×13 cm, war beliebtes Ereignis bei Treffen mit Freunden oder der Familie. Oftmals wurden diese Ablichtungen von Ereignissen auf Papier in dicke Alben eingeklebt oder schlicht in Schuhkartons gesammelt.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich richtige mobile Telefone und die Musikkassette, sowie die damals sehr beliebte Schallplatte wurde von der CD komplett verdrängt.
Alles lief prima, und die technischen Entwicklungen verzückten viele Menschen mit glückseligkeitverheissenden Dingen. Es war nicht die Frage ob man diese Dinge wirklich benötigt, aber wie sagte ein bekannter Philosoph: „Haben ist besser als brauchen“.

So fiel die Entwicklung jener Universalgeräte mit dem verlockenden Namen „Smartphone“ auf fruchtbaren Boden. Mit den nicht mal Zigarettenschachtel großen Geräten war bald alles möglich. Neben der Möglichkeit zu telefonieren ermöglichen sogenannte App’s unzählige Zusatzfunktionen die so vielfältig sind, wie man es selbst mit viel Phantasie nicht vorstellen kann. Sie ersetzen Blutdruckmesser, Kompass, Fotoapparat, Spielekonsolen, Kassettenrecorder, CD-Spieler und sogar das Prunkstück eines jeden Haushalts, das Fernsehgerät.

Landkarten, Bücher, Tonträger, Bilder, Videos und alle die Relikte der menschlichen Geschichte waren mit einem Mal überflüssig. Vor nicht all zu langer Zeit hatten diese Dinge einen festen Platz in den Haushalten. Es gab Schallplattenregale, CD-Ständer, Videosammlungen, Bücherregale und Diakästen bzw. Fotoalben voll mit Bildern.

Heute werden alle diese Informationen an einem Ort irgendwo auf dieser Welt gesammelt, von dem keiner wirklich weiß wo er sich befindet. Bei Bedarf werden die Daten einfach aus einer „Cloud“ gezogen, oder eben auf besagtem Smartphone gespeichert. Dort liegen die Daten, von dort werden sie verschickt, darauf werden sie geguckt und dort gehen sie verloren, wenn das Smartphone verloren geht.

Wie in dem eingangs beschriebenen Fall. Die Dokumentation der ersten beiden Lebensjahre der Tochter verschwunden, unwiederbringlich weg.
Ich kann den Schmerz der jungen Eltern nachempfinden. Von Zeit zu Zeit nehme ich das Album mit den Bildern aus dem Urlaub oder meiner Tochter in die Hand, und auch sie wird mit ihren Kindern darin rumblättern können. Aber nicht nur dieses Erlebnis wird in dieser hochtechnisierten Welt Freude bereiten, so haben die Abenteuer von Pipi Langstrumpf genau so einen Platz in meinem Bücherschrank, wie Michels Abenteuer, die Raupe Nimmersatt, die Abenteuer aus dem Elbenland oder der große Diercke. Daneben stehen meine CD’s mit den Erinnerungen an die Beatles, Queen, Alice Cooper, Status Quo und all die Musik, die nie verklingen wird. Jederzeit kann ich diese Schätze in die Hand nehmen und geniessen.

Ich finde die Entwicklung traurig, dass Bilder zu 80% nur noch auf irgendwelchen Speichermedien versauern. Bilder sollte man ausdrucken und zeigen. Was gibt es schöneres als später mal in sein Kinderalbum zu gucken und sich an die gute alte Zeit zu erinnern, die eigene Hochzeit durch das Hochzeitsalbum nachzuerleben oder sich an die schönen Urlaube mittels Urlaubsalbum zu erinnern.

Es ist so schade, dass viele Bilder nur noch durch Smartphonelinsen aufgenommen werden und dann auf irgendwelche Seiten im weltweiten Internet verschwinden – verschwinden auf großen Datenfriedhöfen. Was bleibt ist eine Generation im Hier und Jetzt und ohne Erinnerung an die schönen Dinge im Leben.

In dem oben genannten vergangen Jahrtausend blickte man in Fotoalben und fand hier die Erinnerung an das eigene Leben. Heute bleibt leider viel zu oft nur die „Timline“….

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Ein Gedanke zu “HILFE – Ich habe meine Erinnerung verloren…

  1. Interessante Gedanken, denen man nicht klar widersprechen kann.

    Aber vielleicht einschränken: Dank der digitalen und mobilen Technik kann – nein, darf! – nicht nur jeder Fotos machen, sondern es tut auch jeder. Immer. Bei jeder Gelegenheit.
    Ich ertappe mich auf Ausflügen selber dabei – da wird schonmal das Essen dokumentiert oder jede Menge eigentlich belangloser Kram.

    Früher, als der „Speicherplatz“ (gewissermaßen ist ja auch der Film eine Art Speicherplatz) begrenzt war, hat man sich ganz anders mit dem zu fotografierenden Objekt oder der Situation beschäftigt.

    Ganz einfach: Damals waren Fotos wertvoller.

    Und nicht nur, weil es deshalb mehr Sinn gemacht hat, sie auf Papier zu bringen, hat man dies getan – sondern auch, weil es gar keine andere Möglichkeit gab, sie schnell verfügbar zu „speichern“.

    Vielleicht sollte man das bei der Bewertung der Situation berücksichtigen.

    Grusels,
    Marco

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