Geiz ist nicht immer geil

Eine in Hamburg von Insidern relativ bekannte Berufsfotografin hat jetzt leider ihren Beruf, den sie seit 30 Jahren ausübt, aufgeben müssen, weil immer mehr selbsternannte Fotografen mit Dumpingpreisen ihr die Ausübung des Berufs unmöglich machen.

Für alle die es nicht wissen ist der Beruf des Fotografen ein Handwerk, für das man 3 Jahre lang lernen muss und eine entsprechende Prüfung ablegen muss.
Fotografie ist aber auf der anderen Seite auch eine Kunst, die man nicht unbedingt durch Vorgaben und Vorschriften einer Handwerkskammer reglementieren kann. So gibt es auch die Möglichkeit diese Kunst an einer Hochschule zu erlernen. Aber auch viele Autodidakten haben sich hier durch eine Besessenheit und Spaß an der Arbeit Erkenntnisse angeeignet, die von vielen dieser Gelernten weder während einer Lehre noch einem Studium erworben wurden.
Leider ist es aber auch so, dass sich heute mit wenig Aufwand jeder Hans und Franz Fotograf nennen kann und dies auch oft tut. Angebote in Elektronikmärkten, die für 399Euro eine komplette Spiegelreflexauslösung anbieten, ermöglichen schnell den Erwerb des notwendigen Handwerkszeugs, und schon kann es losgehen. Bei Hochzeiten kommen so schnell an einem Abend 50 Euro, oder wenn’s teuer wird, auch mal 100 Euro in die Kasse. Das spricht sich schnell rum, und so ist der Preispunkt gesetzt. Von Qualität kann oft nicht die Rede sein. Es ist nur schade, wenn die einzige Erinnerung an den schönsten Tage des Lebens aus unscharfen und unterbelichteten Bildern besteht, die einem später die Tränen in die Augen treibt – und es sind keine Glückstränen. Die Einsicht von Auftraggebern mehr ausgeben zu müssen ist leider viel zu oft nicht vorhanden.
Ein professioneller Fotograf, der die Hochzeitsfotografie mit einer großen Ernsthaftigkeit betreibt, und oft schon weit vor dem Ja Wort und noch lange nach dem Schleiertanz an diesem Ereignis arbeitet, kann für dieses Geld, welches oft schon die Fahrtkosten verschlingt, gar nicht arbeiten.
Ja und so kommt es, dass eben diese Hamburger Fotografin sich neu orientieren und nach langer Zeit ihren Beruf aufgeben muss.

Ich möchte diese Begebenheit dazu nutzen um dies einmal von anderer Seite zu betrachten.

Es gibt viele Menschen, die für die Ausübung ihres Berufs ebenfalls eine Lehrzeit absolvierten, und nach drei Jahren z.B. mit einem Kaufmannsgehilfenbrief als Fotofachverkäufer abschliessen. Den haben sie deswegen bekommen, weil sie 3 Jahre lang gelernt haben wie man Photoapparate verkauft und was für kaufmännische Voraussetzungen erfüllt werden müssen um dies erfolgreich als Geschäft zu betreiben. Viele dieser Fachverkäufer haben mit Freude und Spaß Kameras verkauft. Viele Kunden wurden richtiggehend beraten und haben eine Kamera bekommen, die zu den Anforderungen passt. Durch eine sogenannte Bedarfsanalyse und das Wissen der Fachverkäufer gab es letztlich sehr viele zufriedene Kunden.
Das Berufsbild des Fotofachverkäufer gibt es inzwischen nicht mehr und der Fachhandel für viele Fachbereiche ist zu großen Teilen nicht mehr existent. Dafür gibt es oft Internethändler, die aus der Garage verkaufen oder Versandhäuser, die meist gar keine Beratung leisten. Dadurch gibt es eine Monokultur der Marken, die nicht unbedingt die beste Qualität bieten aber das meiste Geld in die Werbung investieren. Den Rest des Handels erledigen heute Elektronikmärkte die den Kunden deren Dummheit laut entgegenschreien, wenn man nicht bei denen kauft. Die Kaufentscheidung wird durch Werbung und Nachbarn getroffen, und die Enttäuschung ist vorprogrammiert.

Schon längst haben sich in vielen Bereichen 2-3 große Marken etabliert und vermitteln vermeintlich hohe Qualität. Wer glaubt, dass er wirklich für 399 Euro eine qualitativ hochwertige Kameraausrüstung inklusive Tasche und 2 Objektiven bekommt, hat es wohl auch nicht besser verdient.
Der gute alte Fachhandel hat viel zu oft nur noch die Funktion Waren bereit zuhalten, damit die Käufer in Versandhäusern und Elektronikmärkten sich vorher gründlich informieren können. Man überlege sich noch mal den Kauf des Produkts und verlässt den Fachhändler um dann vermeintlich günstiger im Internet oder im Elektronikmarkt zu kaufen.
Ja leider ist es zum Volkssport geworden, noch den allerletzten Cent sparen zu wollen, nicht etwa aus der Not, sondern als „Sport“, weil man ja dem kleinen Unternehmen seine „riesigen Gewinnmargen“ nicht gönnt. Wir werden zwar am Ende des Tages unseren Freunden und Bekannten das Spiel von „mein Haus, mein Auto, meine Kamera, mein Smartphone“ voller Stolz präsentieren, aber glücklicher werden wir nicht sein. Durch diese Geiz ist Geil Mentalität geht ein großer Teil des Einkaufsvergnügen und damit ein großer Teil Lebensqualität verloren.
Jeder der schon mal auf seinen großen Wunsch hingespart hat, und mit dem Erspartem zu dem Händler geht, bei dem er schon seit Wochen das Produkt seiner Begierde in die Hand nimmt, und es endlich mit nach Hause nehmen darf, kann dies verstehen. Aber auch Menschen, die gern einmal durch Buchläden gehen und dort tolle Bücher entdecken, können nachvollziehen, dass eine Bestellung im Internet mit anschließender Paypal Überweisung  nicht vergleichbar mit dem richtigen Einkaufserlebnis ist.

Ich finde es immer wieder schade wenn die Kreativität und die Individualität der vielen Unternehmen so wenig gewürdigt wird und lieber eine Leistung von anderer Stelle bezogen wird, die meist nur vermeintlich „billiger“ ist, preiswerter ist sie selten.

Auf der anderen Seite kann ich es allerdings auch nicht verstehen, dass viele Händler diese einmalige Chance nicht erkennen und ihren eigenen Stil aufgeben und sich auf Internetniveau herab begeben und damit das eigene Ende heraufbeschwören.

Dass man erfolgreich sein kann, wenn man sein eigenes Ding durchzieht sieht man z.B. an einem kleinen Photohaus in Hamburg, dass zwischen mächtigen Fotoketten und Elektronikmärkten seinen Platz behauptet oder an einem bekannten Fotografen in Hamburg, der inzwischen durch die Welt fliegt um auf Hochzeiten zu fotografieren.

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